INSZENIERUNGEN
DIE WURZEL AUS SEIN
von Wajdi Mouawad, Theater Münster 2026
Der Autor Wajdi Mouawad emigrierte 1976 wegen des libanesischen Bürgerkriegs mit seiner Familie erst nach Frankreich, dann nach Kanada. Das Stück DIE WURZEL AUS SEIN thematisiert seine Biografie und verbindet sie mit einer komplexen "Was wäre wenn"-Struktur.
Ausgangspunkt ist der Tag der Flucht aus dem Libanon, an dem der Bruder des Protagonisten Malik die zuerst verfügbaren Flugtickets nach Rom oder Paris abholen soll. Der erste Flug geht nach Paris. Die Geschichte thematisiert die Frage: was wäre passiert, wenn der Flugplan Italien bevorzugt hätte? Fünf Jahre später wiederholt sich die Situation, als die Familie statt zu Verwandten nach Texas zu gehen, sich wegen fehlender Papiere für Montreal entscheidet.
In dem Text werden fünf alternative Biographien ein und derselben Person Malik Talyani an fünf verschiedenen Orten der Welt entwickelt: Malik als Häftling im Staatsgefängnis Texas, als bekannter Neurochirurg in Italien, als Künstler in Montreal, als Schneider in Beirut und als Chauffeur in Paris. Alle Geschichtenstränge passieren in der Woche nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut im August 2020, in deren Folge 300 000 Menschen ihre Häuser verlassen mussten. Gerahmt wird die Struktur von zwei Szenen in einem mediterranen Garten, der Begegnung des Kindes Malik mit sich selbst als alter Mann.
In der Raum-Konzeption spielt die Explosion von Beirut, die verbrannte Stadt als Sinnbild für eine zerstörte und versprengte Familie eine große Rolle. Die Figuren bewegen sich in der westlichen Zivilisation, aber sie tragen ihre Wunden, Verletzungen und ihre Sehnsüchte mit sich. Sie leben wie in einer Nachkriegs-Landschaft.
Die Hauptelemente sind ein großes Bodentuch und fünf Bild-Hintergründe, die jeweils für eine Geschichte stehen und frei im Raum beweglich sind. Zusätzliche Möbel und Großrequisiten sollen jeweils eine verbrannte Oberfläche erhalten, um sich in das Setting "nach der Explosion" einzufügen.
Regie: Moritz Sostmann / Bühne und Kostüme: Klemens Kühn / Dramaturgie: Victoria Weich
KUCKUCKSNEST
Gripstheater Berlin 2025
Der Text führt uns in eine Schule, in einen Ausnahmezustand zweier Mädchen. Sie versuchen verzweifelt und einfallsreich die psychische Erkrankung ihrer Mutter zu überspielen, zu verstecken, sie haben Angst ihre Mutter zu verlieren. Der Text ist aber mehr als diese konkrete Situation. Im schnellen Klipp-Klapp werden mehrere "zuständige" Personen durch die Protagonistinnen mitgespielt.
Ebenso wie die Betroffenen ist die Gesellschaft, die Schule und das Sozialsystem hilflos. Es gibt keine einfachen Antworten. Wir als Zuschauerinnen sind gefordert, mit-zu-überlegen, mit-zu-fiebern, ob die beiden Heldinnen einen Ausweg finden.
Bühnenbild und Kostüme sollen diese Situation unterstreichen und weitere Assoziations-Möglichkeiten ermöglichen.
Die Grundelemente sind zwei Paravent-Systeme mit gemalten Oberflächen von Schul-Spinden, eine Bank und Leuchtstofflampen. Das Spind-System steht am Anfang in einer strengen Aufstellung einer Flur-Nische und eines dahinterliegenden Schul-Flurs. Die kalten Farben und Oberflächen versinnbildlichen auch die umgebende Welt der beiden Protagonistinnen, die darin verloren wirken können.
Dieses Setting kann sich in subtiler Art langsam ändern. Eine Wand gibt nach, wenn ich mich dagegen lehne. Eine Ecke verrückt sich, wenn ich anstoße. So wird eine scheinbar feste Welt in kurzen Momenten traumhaft und surreal.
Darstellerinnen: Lara-Sophie Milagro und Viktoria Schreiber / Regie: Sabine Trötschel / Bühne und Kostüm: Klemens Kühn / Bühnenmusik und Sound - Design: Erik Veenstra / Dramaturgie: Henriette Festerling
BEWOHNER
von Christoph Held, Schauspiel Erlangen 2025
Eine Schauspielerin, ein Banker, eine italienische Gastarbeiterin, ein Drogenabhängiger, eine Depressive – sie alle bewohnen eine Demenzstation, und die Demenz bewohnt sie. Nur bruchstückhaft erinnern sie sich an ihr Leben. Dennoch wollen ihre Geschichten erzählt werden. Die Biografien der Bewohner:innen spiegeln unterschiedliche Aspekte des menschlichen Daseins, obwohl oder gerade weil die Dementen auf die bloße Essenz ihrer Persönlichkeit zurückgeworfen sind.
Darsteller: Joannes Benecke und Thomas Mielenz
Regie: Moritz Sostmann, Bühne und Kostüme Klemens Kühn, Musik Albrecht Ziepert, Dramaturgie Linda Best, Regieassistenz: Robert Sörgel, Puppenbau Hagen Tilp
BUMM KRACH BOING!
Gripstheater Berlin 2024
Regie: Sabine Trötschel, Text: Erik Veenstra, Bühne und Kostüme: Klemens Kühn Komposition: Torsten Knoll, Choreografie: Nadja Raszewski, Dramaturgie: Henriette Festerling/Max Edgar Freitag, Darstellerinnen: Ismail Arslantürk, Tobias Brunwinkel, Yana Ermilova, Christian Giese, Lisa Klabunde, Torsten Knoll, Oliver Rincke, Rachel Rosen, Stephan Sauerbier, Regine Seidler
Ein Kooperationsprojekt des Thikwa Theaters Berlin mit dem Gripstheater
Macht und Ohnmacht ist für Kinder und Jugendliche ein brisantes Thema. Für Randgruppen und Minderheiten der Gesellschaft, wie Menschen mit Migrationshintergrund, mit Behinderungen und Beeinträchtigungen überwiegt oft die Abhängigkeit von Macht oder das Gefühl der Ohnmacht in nicht überschaubaren Strukturen. Sprachliche Gewalt begegnet Kindern schon sehr früh und kann der Beginn von Demütigung, körperlicher Gewalt und Ungerechtigkeiten sein.
Das Kooperations-Projekt des Thikwa Theaters Berlin mit dem Gripstheater kann diese emotionalen, sozialen und familiären Verhältnisse näher beleuchten und Fragen zu scheinbar fest zementierten Hierarchien stellen. Einfache Beobachtungen aus dem Alltag zu dem Thema spielerisch bearbeiten, Wort- und Gedankenassoziationen bilden und die entsprechenden Gefühle musikalisch verarbeiten - viele Ansätze können sich in der Inszenierung entfalten und benötigen einen schnell verwandelbaren, offenen, spielbetonten Raum. Emotionale Zustände wie Angst, Enge, Bedrückung…. werden in einer assoziativen spielerischen Form umgesetzt.
INTERNAT von Serhij Zhadan
Theater Münster 2024
Regie: Moritz Sostmann
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn
Darstellerinnen: Arthur Spannnagel, Ansgar Sauren, Nadine Quittner, Franziska Rattei, Johannes Benecke, Frank Peter Dettmann
Ein junger ukrainischer Lehrer will seinen Neffen aus dem Internat, dass unter Beschuss geraten ist und keine Sicherheit mehr bietet, nach Hause holen. Durch den Ort zu kommen, in dem das zivile Leben zusammengebrochen ist, dauert einen ganzen Tag. Der Heimweg wird zur Prüfung. Die beiden geraten in die unmittelbare Nähe der Kampfhandlungen, ohne mehr sehen zu können als den milchigen Nebel, in dem gelbe Feuer blitzen. Maschinengewehre rattern, Minen explodieren, paramilitärische Trupps, herrenlose Hunde tauchen in den Trümmern auf und apathische Menschen
Sie stolpern orientierungslos durch eine apokalyptische urbane Landschaft.In der Bühnenfassung des Theaters Münster wird die Geschichte zu großen Teilen aus der Perspektive des Neffen Sascha erzählt, der als Darsteller oder Puppe ein Tage- und Skizzenbuch führt, dass live auf einen Screen im Hintergrund übertragen wird. Die Erzählstruktur springt schnell zwischen dialogischen Szenen, Rückblenden und Reise-Situationen. Der Raum soll eine atmosphärisch-erzählerische Bild-Sprache herstellen und durch Lichtwechsel, szenische Umbauten und Rückprojektion die erforderliche Schnelligkeit der Blickwechsel unterstützen.
Das Bühnenbild ist ein überdimensionaler ukrainischer Teppich, der teils Innenraum, teils Landschaft erzählt. Auf dem Teppich sind bestimmte, ikonografische Requisiten angeordnet. Dimensions- Verschiebungen in Requisiten und Puppen können das Alptraumhafte des Krieges unterstützen. Im Hintergrund steht ein altes Kinoportal mit alten Stühlen und halb herabhängendem Vorhang. Die Kinoleinwand provoziert das Spiel zwischen Darstellern mit stark vergrößerten Zeichnungen des Skizzenbuchs, sowie einfachen Schattenprojektionen.
ZUM GLÜCK VIEL GEBURTSTAG
Gripstheater Berlin 2023
Regie: Sabine Trötschel
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn
Wir sind Zeugen eines Geburtstagsfestes von Niko der heute 8 Jahre wird und bei seinem Papa mit zwei Freunden feiert. Wie bei allen Geburtstagen ist die Aufregung groß, bevor die Gäste kommen und kleine Spannungen zwischen dem Vater und der nicht anwesenden Mutter sind spürbar. Auch er steht vor der Herausforderung, ob und wie er das Fest "erfolgreich" organisieren kann. Gleich am Anfang kommt Feodora aus dem Haus hinzu, die offenbar von ihrer Mutter vergessen wurde.
Das Stück spiegelt aktuelle Familienverhältnisse von Eltern, die unter komplizierten Verhältnissen eine Normalität leben möchten. Dieser Anspruch kulminiert zu den familiären Höhepunkten des Jahres und insbesondere zu Kindergeburtstagen. Handlungsorte sind eine Berliner Mietswohnung und ein angrenzender Hof, die mehrfach hin und her wechseln.
Unser Setting ist eine bewegliche Bühnenwand, die Innen- und Außenraum auf ihrer Vorder- und Rückseite darstellt. Die Bühnenwand ist in drei Teile teilbar und wird von den Darstellern szenisch bewegt. Der Innenraum ist eine überhöhte Verdichtung einer Familienwohnung, in der die Bereiche der Eltern und Kinder, realistische und symbolische Requisiten, sowie verschiedene Größenverhältnisse ineinander verschwimmen. Es erscheint wie ein überdimensionaler Setzkasten unserer Welt, durch die Augen von Kindern, die unsere Realität vergrößerter, subjektiver und spielerischer als Erwachsene wahrnehmen. Gleichzeitig ist es auch ein Spiegel der modernen objektüberladenen Kinderzimmer aus billigem Spielzeug, dass nach kurzer Benutzung kaputt geht oder vergessen wird.
DAS DSCHUNGELBUCH
TJG Dresden 2020
Regie: Moritz Sostmann
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn
Puppenbau: Hagen Tilp
"Zugehörigkeit" ist das zentrale Thema des Romans "Das Dschungelbuch", den Rudyard Kipling vor knapp 130 Jahren schrieb und der längst in den Kanon der bedeutenden Kinderliteratur eingegangen ist. Hier werden zahlreiche Motive, Themen und Fragen aufgegriffen, die von zeitloser Bedeutung sind: Wo fühle ich mich zu Hause, bei wem zugehörig? Was bedeutet Elternschaft? Wie werden Hierarchien ausgehandelt? Was müssen Kinder lernen und wie können sie dazu motiviert werden? Welche Mechanismen haben Gesellschaften, um sich zu öffnen? Wie ist das Verhältnis vom Menschen zur Natur? Diese allgemeingültigen Fragen werden in der Inszenierung in einem Setting erörtert, das auch ästhetisch die verschiedenen Welten bzw. Lebensbereiche voneinander trennt. Die Welt der Tiere wird schauspielerisch dargestellt, die der Dorfbewohner mit Maskenspiel. Dazwischen ist die Mowgli-Puppe, die zu keiner der beiden Welten gehört.
Und Pippa tanzt!
Schauspiel Köln 2015
Ein Glashüttenmärchen von Gerhart Hauptmann
Regie: Moritz Sostmann,
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn,
Musik: Philipp Plessmann,
Mit: Magda Lena Schlott, Johannes Benecke, Martin Reinke, Philipp Plessmann, Jakob Leo Stark, Yuri Englert
In unserer Inszenierung ist die Hauptfigur der magischen Tänzerin Pippa eine Puppe und eine Schauspielerin zugleich, mit identischem Harlekins-Kostüm. Der Spielort Halle Kalk ist in einen historischen Ballsaal verwandelt. Ein Theaterportal mit Vorhang, die Kulissen dahinter gemalt, auf beiden Seiten Logen, ein breiter Steg zieht sich von der Vorbühne aus in den Saal. Hier entfaltet sich eine magische Welt voller dunkler Symbole, die die Handlung des eigenartigen Stücks zur Nebensache werden lässt.
Amerika
nach einem Romanfragment von Franz Kafka, Schauspiel Köln 2013
Regie Moritz Sostmann, Bühne und Kostüme: Klemens Kühn
Puppen: Hagen Tilp, Musik: Philipp Plessmann
Für die Inszenierung "Amerika" musste eine Bühnenbild-Lösung gefunden werden, um die komplexe Romanstruktur von Franz Kafka in einer Fabrikhalle zu etablieren. Grundelement ist ein Industrie-Fliesenboden aus der Jahrhundertwende auf einer erhöhten Bühnenfläche. Verschiedene Öffnungen und Effekte im Boden boten außerdem Möglichkeiten für Auftritte und das Erscheinen von Objekt-Zitaten in bestimmten Szenen. Über Rückpro-Videos an der hinteren Bühnenwand konnte der Raum zusätzlich umdefiniert werden. Besonders wichtig war uns das Spiel mit unterschiedlichen Größendimensionen von Darstellern, Puppen, Miniaturobjekten sowie vergrößerten Videobildern, um eine Entsprechung für die surrealen Bilder des Romans zu finden.
Wo die wilden Kerle wohnen
Theater Bremen, 2012
Oper von Oliver Knussen, nach dem gleichnamigen Kinderbuch Wo die wilden Kerle wohnen von Maurice Sendak
Regie: John Fulljames (Copenhagen Opera House)
Bühne und Kostüme: Johanna Pfau, Klemens Kühn
Video: Ian William Galloway (Mesmer Studios London)
Die nur 50-minütige Oper von Oliver Knussen nach dem Kinderbuch von Maurice Sendak hat eine knappe Geschichte, ist aber ein Feuerwerk der Bilder und Figuren. Diese schnelle Abfolge erforderte eine komplexe Zusammenarbeit von Bühne, Video und Licht unter der Regie von John Fulljames. Ausgangspunkt war ein sehr assoziationsreicher Grundraum, in den das kleine Kinderzimmer des Protagonisten Max hineingeschoben wird. Über Videoprojektionen verwandelt sich das Zimmer in eine Traumwelt des Jungen. Hier erscheinen auch die sechs wilden Kerle, die wir deutlich von dem Design des Kinderbuchs und des Films abgesetzt haben.
Ganze Tage ganze Nächte
Thalia Theater Halle 2004
Choreografie: Christine Marneffe
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn
"Ganze Tage Ganze Nächte" sind Textfragmente und verworfene Texte anderer Werke des französischen Gegenwartsautors Xavier Durringer. Nur das Thema von Tag und Nacht hält die wenigen Sätze zusammen. Das Bühnenbild wird hauptsächlich durch einen sparsam sanierten Freimaurer-Saal bestimmt. Der einzige Zusatz ist ein 10m langer Block mit Fliesen und Industriewaschbecken. Der Block teilt den Raum in Tag und Nacht, in Wachsein und Schlafen.